Möbelbranche in der Zerreißprobe –
Zukunft geht nur gemeinsam

Die Möbelbranche bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Konsumzurückhaltung, digitaler Transformation und wachsendem Preiswettbewerb. Statt sich angesichts dieser Herausforderungen in Einzelinteressen zu verlieren, setzte der erstmals veranstaltete Integrated Worlds Management Circle am 15. und 16. Juli in Königstein im Taunus bewusst auf offenen Austausch. Als Enabler der digitalen Transformation brachte Integrated Worlds Geschäftsführer aus Industrie und Handel, Experten der Handelsforschung, Softwareunternehmen sowie branchenübergreifende Innovationsmanager an einen Tisch. Ziel war es, gemeinsam positive Zukunftsbilder zu entwickeln, bestehende Grundlagen ebenso wie offene Handlungsfelder zu identifizieren – und zu klären, welche Maßnahmen sich pragmatisch und wirksam umsetzen lassen.

Bewusst war der Auftakt als Kick-off angelegt – ergebnisoffen und ohne vorgegebene Agenda. Als eigenständiges, ergänzendes Format zu den etablierten Branchengremien sollten Unternehmer und Entscheider in unterschiedlichen Rollen auf Augenhöhe, zwanglos und in einem vertraulichen Rahmen miteinander ins Gespräch kommen. Zunächst galt es herauszufinden, ob ein Branchendialog in genau dieser Zusammensetzung überhaupt fehlt und langfristig Bestand haben kann. Als Initiator der Runde wollte Integrated Worlds zugleich besser verstehen, wie sich die zunehmend datengetriebenen Geschäftsmodelle der Branche verändern – und welche Anforderungen sich daraus künftig an digitale Services und die Art der Zusammenarbeit ergeben.

An einem Tisch versammelt waren deshalb Akteure aus Industrie, Handel, Einkaufsverbänden, Softwareunternehmen, Beratung und Dienstleistung: Knut Albert (EMV), Boris Hedde (IFH Köln), Peter Jürgens (Polipol Gruppe), Dietmar Meding (SHD), Sebastian Moos (VME), Oliver Müther (Begros), Frank Rehme (gmvteam), Silvio Rösner (Möbel Bohn) sowie als Gastgeber Klaus Bröhl, Patrick Sönke und Dietmar Weber (Integrated Worlds).

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Boris Hedde (IFH Köln)

Die Branche verliert weiter – aber nicht ihre Chancen

Den inhaltlichen Auftakt der Diskussion gestaltete Boris Hedde (IFH Köln). Seit Jahren verliert der Einrichtungsfachhandel kontinuierlich Verkaufsstellen, diagnostizierte der Handelsexperte. Die Gründe dafür seien bekannt: ausbleibende Investitionen, fehlende Zukunftsperspektiven, eine zunehmende Überforderung vieler Betriebe sowie die fortschreitende Konzentration im Markt. In den vergangenen zehn Jahren sind deshalb 4.306 Verkaufspunkte beziehungsweise rund neun Prozent des stationären Einrichtungsfachhandels verschwunden. Erschwerend hinzu kommt die aktuell schwache Konsumstimmung. In einer seit 2022 kontinuierlich durchgeführten IFH-Befragung geben derzeit 38 Prozent der Verbraucher an, ihre Ausgaben für Einrichtung und Wohnen reduzieren zu wollen. Damit zählt Home & Living derzeit zu den am stärksten unter Druck stehenden Branchen.

Trotzdem zeichnet Hedde (IFH Köln) keineswegs ein hoffnungsloses Bild. Noch immer werden 63,6 Prozent der Umsätze des stationären Einzelhandels mit Ware am Point of Sale erzielt. Die übrigen Erlöse entstehen über Dienstleistungen, digitale Vermarktung oder ergänzende Geschäftsmodelle. Darin sieht Hedde (IFH Köln) ein gesundes Umsatzverhältnis zwischen klassischem Warenverkauf und ergänzenden Leistungen. Gleichzeitig verfügt der Handel über eine bemerkenswert loyale Kundschaft: 45 Prozent der Kunden sind begeisterte Stammkunden und sorgen für mehr als die Hälfte des Umsatzes. Lediglich 17 Prozent lehnen den stationären Handel grundsätzlich ab. Die eigentliche Zielgruppe sind die 38 Prozent Unentschlossenen, die grundsätzlich gerne einkaufen, bislang aber nicht ausreichend aktiviert werden.

Besonders deutlich wird das Potenzial im direkten Kundenkontakt: 71 Prozent der Konsumenten erwarten heute eine persönliche Interaktion im Geschäft, 76 Prozent zeigen sich enttäuscht, wenn diese ausbleibt. Für Hedde (IFH Köln) ist dies ein klarer Hinweis darauf, wie groß die Chancen eines konsequent kundenzentrierten Handels weiterhin sind.

Neues Unternehmertum ist gefragt

Das IFH Köln beschreibt derzeit zwei mögliche Entwicklungsszenarien für den Handel: Auf der einen Seite steht ein konsequenter Preisfokus, auf der anderen die Differenzierung über Mehrwerte und zusätzliche Leistungen. Was den klassischen Einrichtungsfachhandel betrifft, war sich die Runde jedoch weitgehend einig, dass ein dauerhafter Wettbewerb über den Preis kaum ein tragfähiges Zukunftsmodell sein kann. Die größere Chance liege vielmehr darin, Mehrwerte zu schaffen und sich konsequent über Beratung, Service, Erlebnis und intelligente Geschäftsmodelle vom Wettbewerb zu differenzieren. Als mögliche Wachstumsfelder wurden unter anderem Retail Media, Agentic Commerce, Second-Hand-Konzepte, Reparaturen, Post-Sales-Services sowie Cross Selling diskutiert. Monetarisierbare Dienstleistungen könnten künftig zu einer wichtigen zusätzlichen Ertragssäule werden – weg von der Wertschöpfungskette hin zum Wertschöpfungsnetzwerk.

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Integrated Worlds-Trio und Gastgeber (v.l.): Dietmar Weber, Patrick Sönke und Klaus Bröhl

Daten sind der Treibstoff der Transformation

Nahezu alle Diskussionen führten letztlich zu einem zentralen Thema zurück: Daten. Sie gelten als Grundlage für effizientere Prozesse, schnellere Abläufe und einen völlig neuen, individualisierten Dialog mit den Kunden.

Welche Kraft in gemeinsamen Standards steckt, machte Patrick Sönke (Integrated Worlds) deutlich. Standards wie der internationale ECLASS könnten die Branche entscheidend voranbringen und die Lücke zu Wirtschaftszweigen schließen, die – häufig durch regulatorischen Druck getrieben – bei der Digitalisierung und Automatisierung ihrer Prozesse sowie beim datenbasierten Arbeiten und der Business Intelligence bereits deutlich weiter sind. ECLASS ist ein internationaler Standard zur Klassifikation von Produkten und Dienstleistungen. Er ermöglicht es, Artikel und ihre Merkmale über Unternehmens-, Branchen-, Sprach- und Systemgrenzen hinweg eindeutig zu beschreiben und auszutauschen. An die Stelle individueller und uneinheitlicher Beschreibungen tritt eine gemeinsame Klassifikationssprache, die digitale Prozesse vereinfacht, Medienbrüche reduziert und den Datenaustausch erheblich erleichtert.

Entscheidend sei jedoch der Praxisbezug, betonte Sönke (Integrated Worlds): „Es hilft niemandem, einen riesigen Standard zu platzieren, der theoretisch alles abbilden kann – und bei dem am Ende keiner weiß, wo er anfangen soll.“ Gefragt sei ein Konsens darüber, wie ein Standard in konkreten Prozessen tatsächlich genutzt wird. Mit dieser Perspektive bringt sich Integrated Worlds aktiv in den Roll-out ein. Patrick Sönke veranschaulichte dies anhand praxisnaher Beispiele, darunter die Furniture-X-Lighthouse-Projekte, EDI-Communities in Handel und Industrie sowie die ECLASS Task Force im BKM.

Insellösungen gehören der Vergangenheit an

Klaus Bröhl (Integrated Worlds) blickt auf die inzwischen mehr als 30-jährige Unternehmensgeschichte von Integrated Worlds zurück. Seine Erfahrung: „Immer dann, wenn einzelne Marktteilnehmer versucht haben, isolierte Lösungen durchzusetzen, sind diese früher oder später gescheitert.

Die digitale Welt ist heute vollständig vernetzt. Daten dürfen deshalb nicht länger in abgeschotteten Insellösungen verarbeitet werden. Vielmehr kommt es darauf an, Informationen systemübergreifend nutzbar zu machen und aus den vorhandenen Daten Mehrwert zu generieren.
Deshalb, führte Klaus Bröhl weiter aus, sind heute und in Zukunft vielmehr offene, standardisierte Datenökosysteme und eine gleichberechtigte Zusammenarbeit aller beteiligten Parteien erforderlich, um datengetriebenes Arbeiten in dem Wertschöpfungsnetzwerk rund um Wohnen & Einrichten möglich zu machen.

„Die Realität ist aber heute noch, dass jeder Händler seine eigenen Stammdaten pflegt – organisatorisch und betriebswirtschaftlich ist das Wahnsinn“, sagt Silvio Rösner (Möbel Bohn). Es geht aber auch anders: Als äußerst hilfreich habe sich im Einrichtungspartnerring die Einrichtung einer EDI-Taskforce erwiesen, berichtete Rösner. Dadurch habe sich die EDI-Quote im Verbund insgesamt deutlich erhöht und liege bei Gesellschaftern wie Möbel Bohn inzwischen bei weit über 80 Prozent. Ein Beispiel, das Schule machen darf.

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Silvio Rösner (Möbel Bohn)

Auch die Rolle der Softwareanbieter hat sich dementsprechend verändert. Während früher häufig einzelne Anwendungen im Mittelpunkt standen, lässt sich heute kaum noch eine Software erfolgreich vermarkten, die nicht über leistungsfähige Schnittstellen verfügt und den vernetzten Gesamtkontext berücksichtigt. „Wir sollten prüfen, an welchen Stellen proprietäre Systeme langfristig noch die richtige Lösung sind“, sagt Oliver Müther (Begros). Zugleich spricht er eine didaktische Aufgabe an: „Wir müssen auch bei komplexen Themen eine Sprache finden, die jeder versteht. Auch das ist eine notwendige Schnittstellenleistung.

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Club-Atmosphäre im Falkenstein Grand

Kooperation statt Einzelkämpfertum

Dietmar Meding (SHD) wirbt für mehr Vertrauen innerhalb der Branche. Natürlich müsse jedes Unternehmen die Wirtschaftlichkeit eines Projektes und seiner Prozesse im Blick behalten. Gleichzeitig liege gerade in gemeinschaftlichen Ansätzen noch enormes Potenzial, das bislang häufig ungenutzt bleibe.

Sebastian Moos (VME) ergänzt, dass jedes Unternehmen zwar seine eigene Strategie entwickeln müsse. Gleichzeitig brauche die Branche aber ein gemeinsames Verständnis darüber, wohin sie sich insgesamt entwickeln wolle. Andernfalls drohe der Möbelhandel aus Sicht der Endkunden weiter an Attraktivität zu verlieren – in einer Zeit, in der die Frequenz ohnehin bereits auf durchschnittlich nur noch 1,85 Besuche bis zum Möbelkauf zurückgegangen sei (Service-Check 05/26). Das liege auch daran, dass es der Branche nur unzureichend gelinge, Verbraucher bereits zu Beginn der Customer Journey – also in dem Moment, in dem der Wunsch nach einem neuen Sofa oder einer neuen Küche entsteht – gezielt in den eigenen Funnel zu führen. „In der Optimierung der Pre-Sales-Phase liegt deshalb unsere größte Chance“, sagt Moos (VME).

Frank Rehme (gmvteam) erklärt, dass Agentic Commerce die Systematik des digitalen Suchens und Findens von Informationen grundlegend verändern werde. Künftig gehe es für den Handel darum, Informationen so bereitzustellen, dass sie von KI-Agenten verarbeitet, genutzt und ausgespielt werden können – eine völlig andere Disziplin als die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO).

Customer Journey und Kundensicht

Oliver Müther (Begros) beschreibt weitere Schwachstellen entlang der typischen Customer Journey: Wartezeiten würden von Kunden immer weniger akzeptiert, junge Menschen erwarteten Geschwindigkeit und digitale Kommunikation. „Ein 18-Jähriger geht heute nicht mehr selbstverständlich in ein Möbelhaus“, bringt Müther (Begros) die Entwicklung auf den Punkt. Zugleich warnt er vor einer zunehmenden „Featuritis“, also der Tendenz, Produkte immer komplexer und variantenreicher zu machen. Viele dieser Innovationen erreichten den Endkunden nämlich gar nicht – sei es, weil Verkäufer auf bestimmte Lieferanten fokussiert seien, Informationen fehlten oder der Kunde sich für technische Details schlicht nicht interessiere.

Auch Silvio Rösner (Möbel Bohn) spricht unbequeme Wahrheiten aus: „Es ist offensichtlich, dass unsere Branche an Attraktivität für unternehmerische Investitionen verloren hat. Neue Gründungen im Möbelhandel und in der Möbelindustrie sind selten geworden. Das muss uns zu denken geben.“ Verschärft wird die Lage durch den wachsenden Wettbewerbsdruck chinesischer Anbieter – bislang vor allem auf Lieferantenseite; das Beispiel CECONOMY macht jedoch deutlich, dass die Entwicklung längst auch den Handel erfasst hat – sowie durch eine Kundenkommunikation, die vielfach noch immer auf dem Stand der 1990er-Jahre verharrt. Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil sieht Rösner (Möbel Bohn) deshalb in der unmittelbaren Kundennähe: „Wir müssen den Kunden in seinen Bedürfnissen abholen. Dafür gilt es, Sortiment, Daten und Beratung entlang der Customer Journey nahtlos auszuspielen. Es geht jetzt um Kontextualisierung.“ Gerade inhabergeführte Local Heroes verfügen dafür über beste Voraussetzungen wie erfolgreiche Beispiele aus dem Sportfachhandel, der Augenoptik oder dem Weinfachhandel zeigen. Dort behaupten sich viele regionale Unternehmen erfolgreich gegen große Filialisten und Online-Plattformen, weil sie Kundennähe, hohe Beratungskompetenz und eine konsequent an der Customer Journey ausgerichtete Strategie miteinander verbinden.

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Starke Truppe im Taunus

Fazit: Die Zukunft entsteht nur gemeinsam

Der erste IW Management Circle machte deutlich, dass sich die Möbelbranche – durch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz zusätzlich beschleunigt – in einer tiefgreifenden Transformation befindet. Die Herausforderungen reichen von Konsumzurückhaltung und Digitalisierung bis hin zu neuen Geschäftsmodellen und veränderten Kundenerwartungen.

Andererseits standen der Branche noch nie so viele praxistaugliche technologische Möglichkeiten zur Verfügung wie heute. Die entscheidende Erkenntnis des Management Circle lautet jedoch weniger, welche Technologien künftig genutzt werden, sondern ob die Branche den Mut findet, sie gemeinsam und transparent einzusetzen. „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen“, mahnt Peter Jürgens (Polipol Gruppe). Erst dann könnten Datenstandards, Kooperationen und ein konsequenter Perspektivwechsel hin zum Kunden zu den stärksten Nähten werden, die die Branche in ihrer aktuellen Zerreißprobe zusammenhalten.

Der Integrated Worlds Management Circle soll deshalb künftig regelmäßig stattfinden und sich als interdisziplinäre Pioniergruppe noch stärker der konkreten Umsetzung bereits vorhandener Technologien und Prozesse widmen. Wie Knut Albert (EMV) zum Abschluss resümierte: „Der Kick-off ist gelungen. Jetzt müssen wir uns konkrete Themen vornehmen und sie gemeinsam vorantreiben, um der gesamten Branche zu zeigen, was möglich ist.“